karacho tv in action
Gassim sitzt neben mir und schwitzt. Auch mir klebt das T-Shirt am Körper, aber ich lass mir nichts anmerken. Schließlich läuft die Kamera, und wir können von Glück sagen, dass wir überhaupt jemanden gefunden haben, der an diesem heißen Tag zu uns in den Bus steigen wollte. Der Film muss gut werden. Also weiter im Text, und zwar so natürlich wie möglich.
„Findest du das nicht komisch, zu wildfremdem Menschen ins Auto zu steigen?“ frage ich den Iraner und halte ihm das Mikrofon unter die Nase. „Nein, überhaupt nicht. In meiner Heimat ist das ganz normal. Ich würde sagen, heute ist mein Glückstag.“ Er grinst fröhlich, nimmt die Sonnenbrille ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die Hitze scheint ihm nichts auszumachen.
Wir haben Gassim am Rudolphsplatz aufgegabelt und ihm unser übliches Angebot gemacht: eine kostenlose Fahrt innerhalb von Marburg, egal wohin. Als Gegenleistung bekommen wir ein Interview, das wir mit der Videokamera aufnehmen und später bei Youtube ins Internet stellen dürfen. Gassim fand das Angebot völlig in Ordnung. Er stieg in unseren VW-Bus, und los ging es.
Ein Bus, eine Kamera, ein Mikro
Das Ganze nennt sich ‚karacho tv’ und ist eine Art evangelistisches Videoprojekt. Ich bin Evangelist von Beruf. Und zu meinen Aufgaben gehört es unter anderem, neue Wege zu finden, wie man mit Menschen über den Glauben ins Gespräch kommt. Verschiedene Überlegungen haben mich schließlich auf ‚karacho tv’ gebracht: Ich wollte etwas haben, was Leute sich angucken können. Es sollte kein zu hohes Niveau haben und nicht zu viel Zeit erfordern. Außerdem sollte es billig sein. Und es sollte im Internet, dem virtuellen Markt der Möglichkeiten, auftauchen.
Man braucht nicht viel, um so ein Experiment durchzuführen: ein Bus, eine Kamera, ein Mikrofon und drei Leute, die jeweils eines dieser drei Dinge bedienen (also: fahren, filmen, reden). Und ein wenig Mut, den braucht man natürlich auch. Denn es kostet immer Überwindung, fremde Menschen an der Bushaltestelle oder wo auch immer anzuquatschen und sie einzuladen, mitzufahren. Meistens läuft das so ab: „’Tschuldigung, wir machen so ein Videoexperiment. Wir machen dir ein Angebot: Wir fahren dich kostenlos dahin, wo du hin willst. Und dafür bekommen wir von dir ein Interview, das wir mit der Kamera aufzeichnen. Hast du da Bock drauf? – „Worüber geht denn das Interview?“ – Och, über alles. Wir fangen bei Mundgeruch an und hören bei Gott auf.“ – „Und wofür macht ihr das?“ – „Nur so. Wir wollen einfach bisschen Spaß haben.“ – „Ähm, nee, danke, is’ gerade ganz schlecht. Ein anderes mal vielleicht …“
Worauf es ankommt
Es ist fast nie der Fall, dass die erste Person, die wir fragen, auch tatsächlich einsteigt. Aber wenn es dann doch so weit ist, gelten für mich als Interviewer drei feste Regeln: 1. Ich versuche das Gespräch auf den Glauben zu lenken. 2. Ich werde nicht predigen. 3. Ich interessiere mich ehrlich und vorbehaltlos für das, was der andere sagt und denkt. Das Ziel dieser Gespräche ist es in erster Linie nicht, dem anderen den Glauben an Jesus zu erklären. Dafür ist die Fahrtdauer fast immer viel zu kurz. Außerdem verschenken wir am Ende der Fahrt ein evangelistisches Buch, in dem die Person in aller Ruhe nachlesen kann, was es mit Jesus auf sich hat.
Viel wichtiger ist es mir, Fragen zu stellen, die den anderen zum Nachdenken bringen. Zum Beispiel diese: ‚Glaubst du eigentlich an Gott?’ Warum nicht?’ ‚Was müsste passieren, dass du doch mal an Gott glaubst?’ ‚Warst du schon mal in einem Gottesdienst, der dir echt was gebracht hat?’ ‚Wie könnte so ein Gottesdienst aussehen?’ usw. ‚karacho tv’ ist ein Instrument, das Leuten helfen soll, sich neu mit dem Glauben zu beschäftigen – auch und gerade dann, wenn sie das Thema bereits abgehakt haben.
Es stimmt zwar, dass es nicht ganz leicht ist, Leute dazu zu bringen, in den Bus einzusteigen. Doch wenn sie erst einmal drinne sitzen, läuft das Gespräch fast wie von selbst. Hilfreich ist eine Einstiegsfrage, z. B.: „Wie kommt das eigentlich, dass du zu wildfremden Menschen in den Bus steigst?“ Ab dann zählt vor allem mein Interesse am anderen, insbesondere was seine Meinung über Glaubensfragen angeht. Der oder die andere ist nicht mein Bekehrungsopfer, sondern mein Gesprächspartner. Deshalb begegne ich ihm oder ihr mit großem Respekt. Dieser Respekt und das Interesse wurde bisher immer erwidert. Erstaunlich: Wenn ich mich ehrlich für den anderen interessiere, ist er auch gerne bereit, ehrlich von sich selbst zu erzählen. Innerhalb kürzester Zeit entsteht eine offene, fast intime Gesprächsatmosphäre.
Dem anderen was Gutes tun
Wenn von Evangelisation die Rede ist, wird oft gesagt, dass man die Leute ‚da abholen soll, wo sie sind’. ‚karacho tv’ nimmt das wörtlich. Wir holen die Leute tatsächlich da ab, wo sie sind: z. B. an der Bushaltestelle. Außerdem begegnen wir ihren Bedürfnissen konkret, indem wir sie von a nach b transportieren. Und schließlich hören wir ihnen zu, wir interessieren uns für sie und erzählen, wenn sie wollen, auch von uns. Wenn unsere Fahrgäste wieder aussteigen, sollen sie reicher sein als zu dem Zeitpunkt, an dem sie in den Bus einstiegen. Sie sollen in jeder Hinsicht von dem Experiment profitieren.
Vor unseren Fahrten beten wir als Team gemeinsam. Wir bitten Gott, dass er uns zu Leuten führt, die von ‚karacho tv’ profitieren werden. Dieses Gebet hat er schon oft erhört. Und wenn wir wieder einmal Runde um Runde drehen und einfach niemand zu uns einsteigen möchte, dann entspannen wir uns. Die richtige Person wartet wahrscheinlich schon an der nächsten Bushaltestelle.
Aktualisiert am 4. Juni 2009